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Kommunen als Gestalter nachhaltiger, datengetriebener Citylogistik

In einem Handlungsleitfaden zeigt das Fraunhofer IAO Methoden zur Identifikation, Bewertung, Erhebung und Auswertung von relevanten Daten im Kontext Citylogistik und urbane Güterverkehre auf. Damit sollen baden-württembergische Kommunen befähigt werden, auf Basis eigenständiger Datenerhebungen und -analysen eine Planungsgrundlage zur aktiven Gestaltung einer nachhaltigen Citylogistik zu schaffen.

Nicht zuletzt im Zuge der Corona-Pandemie hat sich der Logistiksektor und damit verbunden auch der Güterwirtschaftsverkehr als unverzichtbar für den Erhalt der Versorgungsleistung in deutschen Kommunen erwiesen. Trotz dieser Bedeutung bedarf es seitens der Kommunen oftmals regulatorischen Maßnahmen, um das hohe Aufkommen im Güterverkehr im Vergleich mit anderen Nutzungsformen möglichst konfliktarm zu steuern. In der Vergangenheit scheiterte die Umsetzung von Konzeptideen oftmals durch den Mangel an aussagekräftigen Daten, die eine Vorab-Abschätzung der Auswirkungen ermöglicht hätte. Umgekehrt werden für bereits umgesetzte Pilotprojekte nur unzureichend Daten generiert und analysiert, um Maßnahmen in Bezug auf Verkehrsreduktion, Emissionsausstoß oder Flächenbedarfe evaluieren zu können.

Diese Aspekte werden im »Handlungsleitfaden zur Nutzung von Daten als Planungsgrundlage kommunaler Citylogistik« des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO einer intensiven Betrachtung unterzogen. Dieser entstand im Rahmen des Projekts »MobiDig«, welches durch das Ministerium für Verkehr Baden-Württemberg in der Förderlinie MobiArch BW über einen Zeitraum von mehr als zwei Jahren gefördert wurde. Ziel war die Erprobung und Beurteilung von Methoden von der Identifikation über die Bewertung bis hin zur Erhebung und Auswertung von relevanten Daten im Kontext Citylogistik und urbane Güterwirtschaftsverkehre. Im Leitfaden beschreibt das Forschungsteam zunächst das Vorgehen anhand der Erkenntnisse aus den untersuchten Kommunen Aalen, Heidelberg und Stuttgart, von der Identifikation relevanter Daten, der Datengewichtung, der Erhebung eigener Daten bis hin zur Auswertung und Veröffentlichung von Daten als Open Data. Kommunen aus Baden-Württemberg wird somit erstmals eine Handlungsgrundlage zur aktiven Gestaltung des Güterverkehrs auf Basis von Daten in die Hand.

Maßnahmen zur Schließung von Datenlücken
Um Datenlücken und fehlende Datenquellen zu identifizieren, hat das Projektteam Interviews und Workshops mit kommunalen Vertreter*innen, Logistikunternehmen und Empfängern in den Referenzkommunen durchgeführt. Auf Basis dieser Informationen konnten notwendige Datenbestände für die Planung und Bewertung von Maßnahmen der Citylogistik – wie z.B. einem Mikro-Depot mit Lastenradzustellung – abgeleitet und gewichtet werden. So ist Kommunen beispielsweise der direkte Zugang zu wichtigen Datenkategorien wie Fahrzeug- oder Sendungsaufkommen bislang verwehrt, da diese lediglich bei den Logistikdienstleistern vorliegen. Aus diesem Grund hat das Forschungsteam im Kernstadtbereich von Aalen eine Befragung sowohl unter Gewerbetreibenden als auch Privatpersonen durchgeführt. In der Stadt Heidelberg wurden mittels Kameratechnik Ein- und Ausfahrten an zentralen Punkten in den Altstadtbereich aufgezeichnet und maschinell ausgewertet. In Stuttgart wurde wiederum der Ansatz verfolgt, sich dem Fahrzeug- und Sendungsaufkommen entlang der zentralen Haupteinkaufsstraße per manueller Zählung anzunähern.

Datenzugang mittels Open-Data-Plattform schaffen
Die im Handlungsleitfaden verschriftlichten Projekterkenntnisse zeigen Verbesserungspotenziale beim Zugang zu und dem Umgang mit Daten in den Kommunen auf. »Eine Vielzahl an Daten, die für logistische Planungsmaßnahmen relevant sind, liegen bereits in den Kommunen vor, diese bleiben aber zumeist unberücksichtigt«, erklärt Lars Mauch, Logistikexperte am Fraunhofer IAO. So könnten beispielsweise Daten aus Verkehrszählanlagen nach erfolgter Verifizierung dazu genutzt werden, um Aussagen zum Gesamtaufkommen an Lieferverkehren abzuschätzen. »Häufig sind sich kommunale Vertreter*innen nicht darüber bewusst, welche ›Datenschätze‹ sich in den jeweiligen Fachabteilungen verbergen und wer die passende Ansprechperson ist«, so Mauch weiter. Der Aufbau einer möglichst breit umfassenden Open-Data-Plattform bildet damit eine zentrale Option, um diesem Umstand entgegenzuwirken und die erfassten Daten auch über die einzelne Kommune hinaus nutzbar zu machen. Eine solche Plattform verhilft nicht nur den Kommunen zu mehr Effizienz bei der täglichen Arbeit, sondern kann auch durch Bürger*innen als Informationstool oder durch wissenschaftliche Einrichtungen für Forschungszwecke genutzt werden.


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