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Kombilösung: Eine Vision wird Wirklichkeit: KVV-Geschäftsführer Dr. Alexander Pischon im Interview

Die Kombilösung ist da! In genau vier Tagen, ab Sonntag, den 12. Dezember, sind die Stadtbahnen und Straßenbahnen in den Tunneln und auf der oberirdischen Gleisstrecke Kriegsstraße unterwegs. Zwölf Jahre Bauzeit – Spatenstich war am 21. Januar 2010 – enden dann mit der Aufnahme des Fahrgastbetriebs in einem in der Karlsruher Innenstadt vollkommen neuartigen Liniennetz.

Was genau sich hinter Kombilösung verbirgt, welche Vorteile sich für Fahrgäste ergeben und über vieles mehr spricht der Geschäftsführer des Karlsruher Verkehrsverbundes, Dr. Alexander Pischon.

1. Können Sie für uns skizzieren, wie sich die Corona-Pandemie auf die wirtschaftliche Lage des KVV ausgewirkt hat, wie der aktuelle Stand ist und welche Entwicklungen Sie in den kommenden Monaten erwarten?

Dr. Alexander Pischon: Die Corona-Pandemie hatte in ganz Deutschland gravierende Auswirkungen auf die gesamte ÖPNV-Branche. Hiervon blieb der Karlsruher Verkehrsverbund leider auch nicht verschont. Wir hatten in den Jahren 2020 und 2021 zusammen 70 Millionen Euro weniger an Fahrgeldeinnahmen zu verzeichnen.

Im Bereich der Abonnements haben wir 15 Prozent unserer Kunden verloren. Zum Glück wurden die Mindereinnahmen durch die beiden Rettungsschirme, die von Bund und Land aufgespannt worden sind, zu 100 Prozent ausgeglichen. Man kann unumwunden feststellen: Hätte es diese wichtigen Rettungsschirme nicht gegeben, wäre unsere Branche extrem geschwächt worden. Mit Hilfe der Rettungsschirme ist es unter anderem gelungen, die mittelständischen Busunternehmer in diesen Krisenzeiten zu stützen. Wir hoffen nun auf eine dauerhafte Stabilisierung der Fahrgastzahlen, was auch mit stabileren Fahrgeldeinnahmen einhergehen würde. Zudem erhoffen wir uns – unter anderem durch die Eröffnung des Karlsruher Tunnels – einen spürbaren Zuwachs an neuen Kunden.

Inwieweit hat sich das Fahrgastverhalten seit Corona verändert und wie treten Sie künftigen damit verbundenen Herausforderungen entgegen?

Dr. Alexander Pischon: Zu Beginn der Corona-Pandemie im Frühjahr 2020 hatten wir bei den Fahrgastzahlen im gesamten KVV-Gebiet einen massiven Einbruch zu verzeichnen. Damals wurde unser Nahverkehrsangebot nur noch von rund 25 Prozent der sonst üblichen Fahrgäste genutzt. Das waren sehr schwierige Monate.

Glücklicherweise konnten wir unsere Fahrgäste in großer Zahl wieder zurückgewinnen – aktuell sind wir bei rund 70 Prozent Fahrgastauslastung und hoffen sehr, dass es dabei bleibt.

Studien haben belegt, dass Busse und Bahnen nie ein „Treiber“ der Pandemie waren. Wir lüften unsere Fahrzeuge an jeder Haltestelle durch das Öffnen der Türen, die Maskenpflicht erweist sich als sehr wirksam und seit Kurzem gilt zusätzlich die 3G-Pflicht im Nahverkehr. Unsere Busse und Bahnen sind somit für unsere Fahrgäste ein sicherer Ort.

2. Im Bereich Mobilität gilt Karlsruhe als bedeutende Modellregion und etablierter Innovationsstandort. Sie sind dabei einer der wichtigsten Treiber. Welche Vision / welches Konzept für Karlsruhe haben Sie den ÖPNV betreffend?

Dr. Alexander Pischon: Es stimmt, Karlsruhe ist seit mehreren Jahrzehnten für seine besondere Innovationskraft im Nahverkehrsbereich bekannt. Mir selbst ist es ein großes Anliegen, diese besondere Position zu festigen und kontinuierlich weiter auszubauen. Die übergeordnete Vision dahinter besteht aus zwei zentralen Säulen – den Kunden in der Gegenwart jederzeit ein attraktives ÖPNV-Angebot zu bieten und zugleich in den unterschiedlichsten Bereichen den Nahverkehr der Zukunft zu entwickeln.

Denken Sie nur an das Testfeld für autonomes Fahren Baden-Württemberg, das gerade wegen dieser Expertise und Innovationskraft in der Fächerstadt angesiedelt wurde, oder das umfassende regiomove-Projekt des KVV. In diesem bündeln wir an mehreren Standorten in der Region zahlreiche Mobilitätsangebote, die unkompliziert über eine leicht zu bedienende App gebucht werden können. Diese flexiblen, digitalen Angebote sind aus meiner Sicht das Modell der Zukunft.

3. Was ist die Kombilösung und welche Veränderungen und Vorteile wird sie für die Karlsruher Bürger mit sich bringen?

Dr. Alexander Pischon: Die Kombilösung ist eines der größten Bauprojekte in der gesamten Stadtgeschichte. Durch den neuen Stadtbahntunnel und die ergänzende Bahntrasse in der Kriegsstraße wird das Netz des Karlsruher Verkehrsverbundes deutlich leistungsfähiger. So kommen unsere Fahrgäste bereits ab Mitte Dezember noch schneller, pünktlicher und sicherer an ihr Ziel. Außerdem machen neue Trassen und höhere Kapazitäten den ÖPNV in Karlsruhe fit für die wachsenden Anforderungen der Zukunft.

Durch den Stadtbahntunnel verkürzen sich die Fahrzeiten auf vielen Linien, gerade im Innenstadtbereich. Hier können sich die Fahrgäste zudem auf sieben neue, barrierefreie Haltestellen im Stadtbahntunnel freuen. Die Kombilösung spiegelt auch den städtebaulichen Entwicklungsprozess wieder. Durch die Verlegung des Bahnverkehrs unter die Erde entsteht eine echte Fußgängerzone mit großer Aufenthaltsqualität.

4. Am 12.12.2021 eröffnet die Karlsruher U-Bahn / Kombilösung. Wie war dieser Prozess für den KVV? Welche Erwartungen knüpfen Sie daran?

Dr. Alexander Pischon: Von Seiten des Karlsruher Verkehrsverbunds erhoffen wir uns vor allem, dass sich die schnelleren Tram- und Stadtbahnverbindungen in einem deutlichen Zuwachs im Bereich der Fahrgastzahlen niederschlagen. Die Fertigstellung des Stadtbahntunnel ist in vielerlei Hinsicht ein entscheidender „Baustein“: Mit unserem attraktiven ÖPNV-Angebot leisten wir einen wichtigen Beitrag zur Verkehrswende sowie zum dringend erforderlichen Klimaschutz. Nach meiner Einschätzung wird der ÖPNV gerade bei diesen Themen auch in den kommenden Jahren eine entscheidende Rolle spielen – denn die Herausforderungen zur Bewältigung des Klimawandels müssen gesamtgesellschaftlich bewältigt werden.

5. Unter der Leitung des KVV wurde das Projekt regiomove ins Leben gerufen. Was verbirgt sich dahinter?

Dr. Alexander Pischon: Die Mobilitäts-App regiomove wird von unseren Kundinnen und Kunden nun bereits seit Ende 2020 sehr rege genutzt. Über regiomove bieten wir unseren Fahrgästen von der Fahrplanauskunft über die Buchung und Bezahluing vieler verfügbarer Verkehrsmittel bis hin zum Fahrradschlüssel für Leihfahrräder in einer App alle Dienste gebündelt und komfortabel an. Ich bin sehr stolz darauf, dass die App nun auch zusammen mit multimodalen Mobilitätsstationen – den sogenannten Ports – an mehreren Standorten im KVV-Gebiet ein sichtbares Zeichen für den umweltfreundlichen Nahverkehr setzt. Über die App können unsere Kunden mit wenigen Klicks über ihr Smartphone ihre individuelle Reisekette zusammenstellen und diese direkt in der App buchen.

6. Können Sie uns einen ersten Einblick in das richtungweisende Projekt HomeZone geben? Welche Vorteile ergeben sich für den Fahrgast? Welche Herausforderungen galt und gilt es zu meistern?

Dr. Alexander Pischon: Wir konnten der Öffentlichkeit bereits Ende November bei einer großen Pressekonferenz die zahlreichen Vorzüge unserer neuen digitalen Tarifangebote KVV.homezone und KVV.luftlinie präsentieren, die ab dem 12. Dezember genutzt werden können. Hierbei handelt es sich um zwei völlig neuartige Angebote – die KVV.luftlinie richtet sich an Gelegenheitsfahrgäste und die KVV.homezone ist als flexibles Abo besonders für alle Kunden interessant, die viel fahren. Beide Produkte sind elektronisch über die App KVV.regiomove buchbar und erweitern das breite und gut sortierte Fahrkartenangebot des KVV.

Mit dem Angebot KVV.homezone können vielfahrende Fahrgäste erstmals unabhängig von der Wabenstruktur des KVV ihren individuellen Mobilitätsradius festlegen und bezahlen auch nur genau dafür. Das flexible Abo ist in dem gewählten Mobilitätskreis für beliebig viele Fahrten mit Bus und Bahn für 28 Tage gültig und endet danach automatisch.

7. Welche weiteren Pläne haben Sie, um den Mobilitätsstandort Karlsruhe noch attraktiver zu gestalten?

Dr. Alexander Pischon: In den kommenden Jahren wird es vor allem darum gehen, unser attraktives digitales Angebot noch weiter auszubauen. Unter anderem haben wir die Flexibilisierung der neu eingeführten KVV.homezone im Blick. Angesichts des Trends, dass immer mehr Menschen einen großen Teil des Jahres im Homeoffice arbeiten werden, wird die Nachfrage nach flexiblen Tarifangeboten sicher weiter kräftig steigen.

Zudem wollen wir auch die Integration unterschiedlicher Mobilitätsangebote wie etwa Carsharing, Bikesharing oder Shuttles in unsere regiomove-App weiter vorantreiben. Auch die Weiterentwicklung „unserer“ App im Zusammenhang mit Mobility Inside in Hinblick auf eine bundesweite Ticketlösung inklusive Fernverkehr wird ein wichtiges Thema sein.

Selbstverständlich muss in den kommenden Jahren auch kontinuierlich und mit Nachdruck am Ausbau der Gleisinfrastruktur gearbeitet werden – sowohl innerhalb der Stadt Karlsruhe als auch in der Region. Damit unsere Kunden gerne mit unseren Bahnen unterwegs sind, braucht es ein attraktives und zuverlässiges Nahverkehrsangebot. Eine gut ausgebaute Infrastruktur ist dafür essentiell.

Für den ländlichen Raum werden auch On-demand-Shuttleverkehre immer mehr an Bedeutung gewinnen – die Nachfrage nach diesen Angeboten für die „letzte Meile“ ist groß.